Montag, 19. August 2013

12 Stunden Solo spielen - Über den Impromarathon

Im April habe ich das persönliche Experiment gewagt, nahezu 12 Stunden am Stück solo am Klavier zum improvisieren. Beim 1. Berliner Impromarathon am 27.4. dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit dazu. Noch länger als der Marathon dauerte es, bis ich nun endlich mal die Aufnahmen, die ich in diesen 12 Stunden gemacht hatte, online zu stellen. Nun ist es aber endlich so weit. Ich habe ein Set von fünf Teilen zusammengestellt. Die Teile wurden jeweils dort geschnitten, wo ich auch während des Marathons Pausen gemacht habe. Wenn man es also genau nimmt habe ich nicht 12 Stunden am Stück gespielt, sondern reine Spielzeit waren ca. 6,5 Stunden und Pausenzeit 5,5 Stunden. Mein Körper ließ dann doch nicht zu, wirklich von 15 bis 3 Uhr morgens durchzuspielen. Ich wollte danach ja meinen Beruf noch ausüben und mich nicht unfähig machen damit. Aber auch mit Pausen war es anstrengend genug. Besonders für meinen Rücken eine Herausforderung. Begleitet wurde ich die ganzen Stunden über von Friedemann Brenneis, einem Reporter des Deutschlandfunks. Er interviewte mich in den Pausen und fragte nach meinem Zustand, wie es mir geht und was die Inspiration macht. Wir hatten uns vorher unterhalten, was die Befürchtungen sind. Ich dachte, mir würden irgendwann die Ideen ausgehen. Weit gefehlt. Ich hätte sogar noch weiterspielen können. Also habe ich mich nicht leer gespielt, wie vermutet. Müde war ich dennoch nach all der Zeit. Und Friedemann sichtlich auch. Der kleine Beitrag wurde am 29.4. in der Sendung Corso im DLF gesendet und ist auch im Set zu hören.




Eine meiner Erkenntnisse war, dass die Pausen mir natürlich geholfen haben, dass die Ideen nicht ausgehen. Ich konnte sozusagen frisch an's Werk gehen. Wer weiß, ob es anders gelaufen wäre, hätte ich wirklich 12 Stunden am Stück gespielt. Eine weitere Vermutung war, dass sich die Musik über die Tageszeiten verändern würde. Ich meine, dass sie das auch tat. Ich hatte gen Ende hin eine Stimmung, wie in einer Chopin Nocturne. Sicher auch, weil ich an die Nacht dachte und meine Assoziation nunmal eine Nocturne war. Ich spielte die ganze Zeit gegen die Wand blickend. Das half mir, wirklich in der Musik zu bleiben und mich nicht vom Rein- und Rausgehen der Leute ablenken zu lassen. Zusätzlich hatte spielte ich mit geschlossenen Augen. Aber das mache ich sowieso zu 90% in meinen Konzerten. Das ermöglicht mir das komplette Eintauchen in den Klang. Teilweise bemerkte ich so nicht, dass die Galerie, in der ich spielte, gut gefüllt war. Die Zuschauer lauschten fast geräuschlos. Ich vermutete meistens, dass ich allein sei. Ich dachte ab und an während der Impro über das ganze nach. Ob jetzt wohl jemand zuhört und soetwas. Aber den Flow hatte ich nur, wenn ich wirklich in der Musik war. Keine Gedanken, sondern nur Gedanken in Töne, Tasten, Harmonien und Melodien. Die Tasten sah ich nur vor meinem geistigen Auge. Ich spürte mit Fingern und Ohren, welche Tasten ich drücken müsste. Es funktioniert gut. Fast wie Zehn-Finger-System auf der PC-Tastatur. Die Zeit war zwischendrin nicht mehr wichtig und auch nicht fühlbar. Meine Rückenschmerzen besserten sich durch eine Schmerztablette und den Pausen. Die Müdigkeit war spürbar, aber nicht hinderlich. Sie versetzte mich eher in Ruhe und Trance, die in der Musik half und im Flow. Dennoch wurde die Teile von mal zu mal kürzer. Der erste Teil war 1:40 Std., der letzte dann nur noch 1:08 Std. Und das war letztlich wirklich nur meinen körperlichen Beschwerden und Bedürfnissen geschuldet. Der Geist war also willig, aber das Fleisch war rar.

Ich würde soetwas wieder tun. Es war ein schönes Experiment. Hatte einen sportlichen Charakter, weil ich meinen Körper spürte und einen meditativen über die lange Zeit über die Musik in den Flow zu kommen. Gedanken wurden nachrangig und ließen nur Musik sprechen. Eigentlich das, was ich gehofft hatte.




Mittwoch, 31. Juli 2013

So war die Hear and Now Summer Lounge am 27.07.

Es war warm. Nein, es war heiß. Bei Temperaturen um die 30 Grad haben Max Geng (Drums), Sé Strobach (Licht & Ton) und ich die Hear and Now Fahne hochgehalten. Das Motto war noch einmal Summer Lounge. Nachdem Max im Juni leider krank war, bot es sich an, das Thema noch einmal mit ihm zusammen zu bespielen. Ich habe dieses Mal wieder mit Drum- und Percussionsamples experimentiert. Das war sicher leichter, als ich allein gespielt habe, aber Max hat ganz gut zu diesem festen Metrum spielen können. Es braucht schon etwas Übung als Drummer mit einem festen Metrum im Hintergrund zu spielen. Aber das hat Max super gemacht. Die Wärme hielt uns nicht von inspirierenden 45 Minuten Konzert ab. Auf eine zweite Hälfte mit ähnlicher Länge hatten wir dann auf Grund der Temperaturen, die im Raum noch höher waren, verzichtet. Es hatte uns aber niemand übel genommen. Die Wärme hat eben auch Einfluss auf's Hirn und so reichten 45 Minuten völlig, da wir dafür noch genug Inspiration und Output hatten. Hier könnt Ihr das Konzert in voller Länge hören:



Im August machen wir eine Pause und spielen ab September wieder in der Brotfabrik Berlin.

hear-and-now.com

Montag, 22. Juli 2013

Hear and Now Summer Lounge am 27. Juli

Der Sommer ist endlich da. Sicher zieht es die meisten nach draußen in den Biergarten oder an den See. Aber das soll uns nicht davon abhalten, auch nach der Sonne etwas zu bieten. Am 27. Juli spielen Max Geng und ich unser Hear and Now und improvisieren in diesem Rahmen eine "Summer Lounge". Was dabei heraus kommt, wissen wie immer nicht vorher. Es wird aber sicher ein entspannter Sommerabend!

Hear and Now
Concert Improv
Summer Lounge

27. Juli
21 Uhr
Eintritt 10/7 Euro

Brotfabrik Berlin
Caligariplatz 1
13086 Berlin


Weiter geht's dann mit Hear and Now im Oktober. Im September machen wir Spielpause.



Freitag, 12. Juli 2013

Vorfreude auf meinen Workshop

Am 17. und 18. August gebe ich in der Prignitz einen Workshop zum Thema "Impro-Musical". Heute hat sich der 12. Teilnehmer angemeldet und damit ist der Kurs ausgebucht. Ich freue mich schon sehr auf diese Tage auf dem Land. Nicht nur wegen des schönen Themas "Musical", sondern auch wegen der Landschaft. Ich mag die Prignitz und das kleine Örtchen Hasenwinkel bei Pritzwalk hat mit der tollen Scheune von Chady Seubert einen hervorragenden Platz für Kreativität. Ich fahre nun schon seit mehreren Jahren mindestens ein Mal im Jahr dort hin, um Workshops zu geben. Diese Atmosphäre ist in der Stadt einfach nicht möglich und stiftet zur Entspanntheit an. Auch wenn ich in meinen Workshops gern "arbeite". Es heißt ja auch Work-Shop. Ich bin gespannt auf die bunte Teilnehmergruppe und werde berichten, wie es war.

Dienstag, 2. Juli 2013

Es gibt sie wirklich diese Anfragen

Vor einiger Zeit kursierte im Internet ein kleiner Mailwechsel zwischen einem Restaurant und einem Musiker, der auf die Anfrage der Gastronomen reagiert. Hier das Original:

Quelle: echtlustig.com
Was hier auf der Website mit Namen "Echt lustig" bezeichnet wird, finde ich als Musiker eigentlich gar nicht mehr lustig. So geschehen erst gestern. Ich erhielt einen Anruf vom Inhaber eines Restaurants in Berlin Prenzlauer Berg. Schon im Eingangssatz wurde erwähnt, dass das Etablissement nächstes Jahr einen Gourmetstern erhalten wird. Außerdem fiel mehrfach das Wort "deutsch" im Zusammenhang mit: "Wir sind ein deutsches Weinlokal. Wir machen einen deutschen Abend mit deutschen Weinen und wollen dazu von Ihnen deutsche Klassiker gespielt haben auf dem Klavier". Dass das Klavier dabei nicht auch deutsch sein sollte, verwunderte mich zu diesem Zeitpunkt bereits. Nun gut. Professionell höre ich mir die Fakten an und nehme die Daten auf, schaue nach ob ich Zeit habe und mache ein Angebot. Das wurde auch akzeptiert. Warum auch nicht, denn die Veranstaltung ist in fünf Tagen. Die Zeit drängt also und ich hörte schon heraus, dass es eigentlich egal ist, welcher Musiker da nun zwischen den Gästen sitzen und zwischen den Gängen des Menus spielen sollte. Deutsche Klassiker. Ich wieß gen Ende des Gesprächs darauf hin, dass ich keine Kompositionen spiele, sondern ein Improvisationsmusiker bin. Ich erläuterte den exquisiten Charakter, weil individuelles Erlebnis, nicht wiederholbar. Das sind eben die Vorzüge der Improvisation. Schien mir auch passend das zu betonen, wenn sie schon so einen tollen exquisiten Laden haben, zu dem ich ganz vergessen hatte, zu gratulieren. Ist ja klasse. Mein Gegenüber schien überrascht, dass ich seinen Wunsch nach deutschen Klassikern zurückwies. Er hatte nicht einmal meine Website besucht und gesehen oder gehört, was ich mache. Schließlich haben ja Künstler kein Geld und müssten doch bereit sein jeden Kundenwunsch zu erfüllen. Er wollte also kurz Rücksprache mit seinem Bruder halten und zurückrufen. Der Bruder rief dann wenige Minuten später zurück. Ihm erklärte ich auch nochmal meine Kunst. Aber fest buchen wollte er noch nicht. Ich gab Bedenkzeit, weil ich da bereits spürte, dass ich mich nicht so wohl fühle bei der Sache. Auch er wollte gleich zurückrufen. Tat er dann aber nicht. Nun gut, ich hab noch andere Dinge zu tun, als auf Anfragen am Telefon zu warten. Als ich später nach Hause kam, war ein Anruf auf der Mailbox. Die Worte "...Wir würden es gerne mit Ihnen probieren." Unterton eher: Wir wissen nicht, was Sie da machen, aber zur Not kann man sich ja auch hinterher noch beschweren. Das war zumindest mein weiter wachsendes negatives Bauchgefühl. Ich entschloss mich, nicht gleich, sondern erst heute zurückzurufen. In der Zwischenzeit habe ich hin und her überlegt. Es ist natürlich nicht so, dass man Geld einfach ausschlagen will, wenn es eine Anfrage gibt. Aber mein schlechtes Bauchgefühl wollte sich einfach nicht mit der Aussicht auf Gage bessern lassen. Also entschied ich mich abzusagen. Ich sprach dem guten Mann auf die Mailbox, dass ich die Veranstaltung nicht spielen werde und wünscht ihm viel Glück bei seiner Suche. Später rief er zurück. Meine Frau nahm das Gespräch an. Sie erklärte noch einmal den Sachverhalt, dass ich nicht spielen werde. Der Anrufer war verwundert, warum ich denn nicht zu Hause wäre. Außerdem klang er danach, als hätten wir bereits einen Vertrag geschlossen und alles wäre klar. Dann fragte er meine Frau, ob sie nicht einen anderen Pianisten kennenwürde. Immerhin haben sie ein hervorragendes Restaurant. Es werden viele Unternehmenschefs kommen zu dem Essen. Also ein Rahmen, bei dem sich ein Künstler hervorragend präsentieren könnte vor exquisitem Publikum. Es wäre ja eine Chance quasi. Meine Frau schlug trocken Google vor und verabschiedete sich dann.

Zurück blieb ein konsternierter Restauirantinhaber, der nicht verstand, dass er selbst einen Künstler suchen muss, sich vorher einmal die Website ansehen und Hörbeispiele hören sollte, bevor er eine überhebliche Anfrage stellt. Mein Bauchgefühl hatte mich nicht im Stich gelassen. Einige Formulierungen klingen wie Signale in meinen Ohren nach: "Gourmetstern, präsentieren, Unternehmenschefs, Chance". Nichts lief auf Augenhöhe ab. Der Respekt war nur oberflächlich. Es sollte eine Dienstleistung vollbracht werden und mehr nicht. Es sollte irgendjemand, irgendetwas Deutsches spielen. Es wurde der erste Treffer bei Google angerufen. Ok, danke dafür. Aber so? Es hat mir wieder gezeigt, dass mich das Gagenangebot allein nicht glücklich macht. Dass es viele Menschen mit Geld gibt, die Macht über einen ausüben wollen. Nicht nur über mich, sondern sogar über Unbeteiligte, wie meine Frau, die er am liebsten noch googlen lassen wollte. Man könnte meinen, diese Menschen meinen es ja nicht so. "Du kennst die doch gar nicht persönlich" Ich hätte einfach Nein sagen können und gut. Nein, das ist nicht so einfach abgetan. Das sind genau solche Anfragen, die ich frech und unhöflich finde, weil sie arrogant und herablassend dem Künstler gegenüber ankommen. Auch wenn man keine Ahnung hat von Kunst, kann man einfach mal freundlich nachfragen. Aber von seinem tollen Laden zu sprechen und den tollen Kunden, die so viel Einfluss haben, das soll nur zeigen, wie klein du als Künstler bist und hier hast du, Hofnarr, eine kleine Chance, dass du vor den Herrschaften spielen "darfst"! Weil du ja sonst nur zu Hause am Hungertuch nagst. Nein, soetwas möchte ich nicht bedienen. Ich möchte nicht zum reinen Objekt der Dienstleistung verkommen. Auch wenn diese Jobs für uns Künstler immer wieder wichtig sind. Ich versuche soetwas so oft es geht zu vermeiden. Denn das Geld macht doch nicht glücklich, sondern es zu Vermeiden, mit solchen Menschen etwas zu tun zu haben. Bei qype.de wurde treffend in einer Berwertung zum Restaurant geschrieben:

"Ostentativ höherpreisig-heimatverbundene kost, mit der man im revier von leuten, die ihre kinder otto, emma und paul nennen, fischen möchte. könnte funktionieren, dröges angebiedere an einen kiez ist es dennoch."

Und nun habe ich am Samstag frei und werde mit meiner erst am letzten Samstag geheirateten Frau einen tollen Tag verbringen. Wohl eher in einem anderen Restaurant.

Mittwoch, 26. Juni 2013

So war die "Summer Lounge"

Am 22.6. hieß es "Summer Lounge" für Hear and Now. Max fiel leider krankheitsbedingt aus, sodass ich alleine spielte. Dafür hatte ich mein Grundset aus E-Piano, Keyboard, iPad und Sampler aufgebaut. Dieses mal fiel mir noch mehr auf, wann die Improvisation eigentlich bereits begonnen hat. Nicht erst beim Spielen des ersten Tons. Nein, durch die Wahl der verschiedenen Mottos für die jeweiligen Auftritte, beginnt die Improvisation bzw. das Assoziieren und Fließen lassen viel früher. Konkret heißt das, dass meine musikalischen Assoziationen die Auswahl der Samples beeinflussen, die ich auf meinen Sampler lade. So gesehen ist es eine Vorbereitung auf eine Improvisation. Ein Zusammenstellen des möglichen Instrumentariums. Das birgt natürlich das Risiko, immer alles auch einsetzen zu wollen und sich schon im Vorfeld einen Plan auszudenken. Davon befreie ich mich durch Bewusstwerdung, dass dies die Falle sein kann. Ich sortiere Samples nach Kategorien. Im Spiel wähle ich sie aber dann aus, wohin der Fluss mich trägt. Auch mit einem Sample anzufangen erwies sich als ganz guten Startpunkt für die Improvisation. Dennoch bleibt für mich immer die Gefahr aus dem Flow zu kommen, wenn technische Handhabung zu Komplikationen führt. Da ich das erstell mit Drumsamples gearbeitet habe, war es eine Herausforderung. Max, der sonst live mit improvisiert, ist Teil des gemeinsamen Flows. Ein Sample ist gnadenlos auf sich selbst gerichtet. Das bietet zwar Sicherheit im Timing, ich darf mich aber nicht in meiner Freiheit beschneiden lassen. Aber das gelang mir ganz gut. Hört selbst einen Ausschnitt:


Das nächste Hear and Now gibt es am Samstag, den 27. Juli in der Brotfabrik Berlin. Infos zur Besetzung und weitere Details unter

hear-and-now.com

Dienstag, 11. Juni 2013

Impro im Juni

Das letzte Hear and Now ist nun schon eine Weile her. Was wird es spannendes im Juni geben? Max und ich werden passend zur mittlerweile präsenteren Jahreszeit das Thema "Summer Lounge" improvisatorisch angehen. Am 22. Juni spielen wir demnach auch erst ab 21 Uhr in der Brotfabrik. Erwarten kann man Samples, die für mich zum Sommer gehören. Was es mit der Musik macht, bleibt wie immer nicht vorherhörbar.

Hear and Now Concert Improv
Summer Lounge

22. Juni
21 Uhr
Eintritt 10/7 Euro

Brotfabrik Berlin
Caligariplatz 1
13086 Berlin









Außerdem gebe ich einen Workshop auf der M3 Campixx Konferenz am 16. Juni. Titel der 45 Minuten ist "Jeder ist musikalisch - Kreativität im Team führen". Immer wieder ein Thema im Bereich Businesscoaching ist das Thema "Führen". Nichts eignet sich besser, als Improvisation und Führungsarbeit zu verbinden. Nebenher merken die TeilnehmerInnen, dass doch jeder musikalisch und singen ganz leicht ist. Wenn das dann in der Gruppe passiert, ist das Trauma überwunden. Außerdem werde ich die Möglichkeit bieten, selbst diesen kreativen Haufen zu führen. Denn hinter jedem musikalischen Ensemble steckt auch eine Führungskraft. Ich freue mich auf eine schöne Dreiviertelstunde mit improvisierter Chormusik.
Viele weitere spannende Workshops gibt es noch!

Infos und Anmeldung unter www.m3-campixx.de


PS: Ich bin Euch noch die Nachbereitung des Impromarathons im April schuldig. Ich habe die Aufnahmen schon fertig bearbeitet. Es fehlt nur noch der Artikel. Aber das wird spätestens im Juli was.

Sonntag, 19. Mai 2013

Hear and Now 17/05/2013 - So war der "Urban Sound"

Mein Setup: Yamaha P120, Roland GW-8, iPad 4,
Roland SP 404, Allen&Heath ZED-10 Mixer
Am 17. Mai spielte ich gemeinsam mit Max Geng am Schlagzeug wieder Hear and Now Concert Improv. Als Special Guest war Simona Theoharova dabei. Sie improvisierte in der zweiten Hälfte als Tänzerin zum Urban Sound. Urban Sound war die Inspiration für dieses Mal. Ich griff das Thema im Sampling auf, mit Sounds, wie Straßenlärm, Marktplätze, Aufnahmen aus dem Mauerpark Berlin, Martinshorn und Kirchenglocken. Auch eine alte, leicht defekte Spieluhr, die den Titel "Berliner Luft" spielte, hatte ich genutzt. Auch das Freiheitsschwur wurde von mir genutzt:

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen."

Max Geng
NodeBeat HD für iPad
Auf dem iPad nutzte ich vor allem die App "NodeBeat HD". Impulse werden ausgesendet im festgelegten Tempo. Unterschiedliche Kreise geben dann verschiedene Sounds wieder. Drum- und Synthsounds werden so erzeugt. Es war nicht wirklich vorhersehbar, was bei den verschiedenen Konstellationen der Kreise geschehen wird. Umso spannender fand ich es, mit diesem Instrument zu improvisieren.

Das Thema Stadt und urbaner Raum war sehr inspirierend. Zwischen Ruhepolen und Quirligkeit der Großstadt lagen die Klangwelten. Der Tanz von Simona, der zu Weilen erruptiv, wie unsere Musik war, gab eine ideale Gruppenimprovisation. Der Austausch von Impulsen kann noch vertieft und trainiert werden. Immerhin gingen wir mit Vertrauen auf die Bühne, ohne vorher mit einander gespielt zu haben. Das finde ich aber auch nicht nötig, wenn das Bauchgefühl ein gutes ist. Um so mehr ist Freiraum für Improvisation. Man muss sich auf einander einlassen, sonst werden entweder alle zu zurückhaltend oder preschen forsch nach vorn, ohne die anderen wahrzunehmen.

Stephan Ziron
Wir haben es gut im Mittelweg geschafft. Simona machte kurze Pausen. Diese waren aber meist wirklich nicht von langer Dauer. Hinterher meinte sie, dass sie es gar nicht so lang am Rand ausgehalten hat, weil die Musik so mitreißend war. Ein schönes Kompliment. Aber nicht nur energetisch, impulsive Musik haben wir improvisiert. Es gab im Zusammenspiel mit dem Tanz einen sehr klassischen Teil. Tanz ist für mich auch die Assoziation mit Ballett und klassischem Tanz. Da ich wusste, dass Simona auch diese Ausbildung hat, war ich sozusagen schon etwas voreingenommen von dieser Assoziation. Ich würde es gern mit wiederholen mit improvisierten Tanz. In jedem Fall eine tolle Kombination, die alle Seiten inspiriert.

Leider ist das Video qualitativ nicht so gut geworden. Es gibt aber die Audio-Mitschnitte des Abends. Ich freue mich über Meinungen, Kommentare und Anregungen!


Dienstag, 7. Mai 2013

Urban Sound - Hear and Now am 17. Mai

Simona Theoharova
Foto: donflo.com
Am 17. Mai gibt es ein neues Hear and Now in der Brotfabrik. Mit dabei sind dieses Mal Max Geng am Schlagzeug und die Tänzerin Simona Theoharova. Simona wird zur improvisierten Musik Impro-Tanz performen. Eine spannende Kombination, die wir noch nie gewagt haben. Außerdem steht das Impro Konzert unter dem Motto "Urban Sound". Alles, was der urbane Raum an Klang zu bieten hat, wird mich inspirieren und im Sampling eine Rolle spielen. Auf Facebook habe ich daher gefragt, was Eure Assoziationen dazu sind.



Hear and Now
concert improv

Stephan Ziron
piano, keyboards, sampler, ipad

Max Geng
drums & percussion

Simona Theoharova
improv dance

Sé Strobach
licht & ton

Beginn 20 Uhr
Eintritt 10/7 Euro

Karten unter karten@brotfabrik-berlin.de oder an der Abendkasse.



Brotfabrik Berlin
Caligariplatz 1
13086 Berlin



Größere Kartenansicht


hear-and-now.com | brotfabrik-berlin.de

Mittwoch, 1. Mai 2013

Blogparade - Are we all Storytellers?

reichweite-beratung.de
Caroline Kliemt rief zur Blogparade auf. Es geht um Storytelling. Die Frage: "Are we all Storytellers?" Man könnte kurz und bündig antworten "Life is Storytelling", denn wir erzählen jeden Tag Geschichten. Jeder hat mal was erlebt oder kennt einen, der einen kennt, der mal was erlebt hat, eine Geschichte, eine kurze Episode, eine Story. Ich möchte aus meinem Blickwinkel als Musiker und Improtheater-Mensch etwas über Storytelling schreiben.

Storytelling und Musik im Improvisationstheater


Griechisches Theater, Quelle: wikimedia.org
Beim Theaterspiel geht es um das Geschichten Erzählen par excellence. Was die Menschen zu den Bühnen treibt, sind Geschichten und Charaktere. Sie möchten mit dem Helden leiden und triumphieren, ein Drama und ein Happy End sehen. Das versuchen wir auch im Improvisationstheater. Gerade in längeren Geschichten, den Langformen, geht es um Geschichten. Ich als Musiker erzähle diese Geschichte mit meinen Mitteln. Unterstütze Charaktere und greife vorweg. Vergleichbar ist das auch mit Filmmusik. Es funktioniert im Grunde genauso. Deshalb sehe ich mich besonders in Langformen als "Film"-Musiker bzw. Geschichten-Musiker. Wie stelle ich das an? Charaktere werden oft von mir mit einem musikalischen Thema, Akkordverbindung, einer Klangfarbe oder einem Instrument ausgestattet. Dies taucht immer dann wieder auf, wenn die Figur besonders im Fokus steht. Gegenspieler erhalten einen Kontrast zum Helden, manchmal mit einer dunklen Klangfarbe, einem entgegen gesetzten Instrument. Hat der Held eine leichte Gitarrenmelodie, bekommt der Antagonist tiefe Streicher. Dies ist natürlich von Impro zu Impro anders, sonst wäre es nicht mehr improvisiert. Aber die Technik bleibt oft die selbe. Neben dem Anheften an Figuren setze ich auch oft Musik mit dem Thema der Geschichte in Verbindung. Ist es beispielsweise Feuer, werden Elemente, die darauf hindeuten in den Szenen mit einem Leitmotiv oder eben den anderen Mitteln unterstützt. Melodien können in Tonarten und Tongeschlechtern, also Dur und Moll, kontrastiert werden. Das entspricht in etwa dem Haupt- und Gegenthema-Ansatz, wie er im Sonatenhauptsatz zu finden ist. In diesem werden zwei Themen gegenüber gestellt. Im Laufe der Szenen gibt es die Einleitung (Ouvertüre), Durchführung, in der das Thema abgewandelt und verarbeitet wird, Reprisen (Wiederholungen) und schließlich die Coda (Schluss). Ganz so starr, wie in der Sonatenform ist es im Theater zwar nicht, aber die Prinzipien sind ähnlich.Die Wiederholung von Themen ist im Schauspielkontext wichtig. Der Zuschauer erlebt etwas bereits Bekanntes immer als befriedigend und sicheres. Das Gehirn reagiert positiv darauf, wenn es etwas wiedererkennt. Etwa so, wie bei einem guten Bekannten, dem man auf der Straße begegnet. Nicht umsonst ist die Leitmotiv-Technik im Film so erfolgreich. Ich habe dazu einen längeren Blogeintrag mit Hör-Beispielen geschrieben. Da es in der Musik um Emotionen geht und wir alle gewisse Klischees gelernt haben, spiele ich damit auch in der Szenenmusik. Die Musik spiegelt Emotionen der Akteure wieder und unterstützt die Empathie beim Zuschauer. Das hilft letztlich auch dem Schauspieler in seiner Darstellung. Außerdem ist es möglich der ganzen Szene einen Kontrast, sozusagen eine Meta-Ebene, zu geben. Legt man unter eine vermeidlich fröhlichen Szene eine dramtische oder traurige Musik, erzeugt man sofort Misstrauen beim Zuschauer. Die Musik verrät ein Geheimnis, die Fallhöhe der Szene wächst automatisch. Auch in Krimis schön zu sehen und zu hören. Wenn jemand bei etwas erwischt wird und er es vertuscht. Sein Gegenüber ist arglos und die Musik unterstützt die heimtückischen Gedanken des Täters. Das erzeugt Spannung und erzählt die Geschichte. Selbst der nichtigste verbale Dialog bekommt somit seine Bedeutung und die Geschichte schreitet in den Köpfen voran. Es geht um Kontraste und Fortspinnen der Geschichte mit musikalischen Mitteln. Das ist Storytelling im Film und auf der Bühne.

Bilder im Kopf


Gehirn nach Meyers 1932, Quelle: wikimedia.org
Musik erzeugt Bilder im Kopf und manchmal ganze Geschichten. Praktisch habe ich das erlebt, als ich das Theaterprojekt "Hear and Now Dimensions" aufgeführt habe. Es war ein Abend voller Improvisation. Musik, Schauspiel und Licht agierten spontan miteinander. Die Einleitung des Abends habe ich am Klavier übernommen. Ich habe ein ca. 15 minütiges Intro gespielt. Danach fragte ich das Publikum, was es dabei gesehen hat, welche Bilder vor dem inneren Augen gezeichnet wurden. Erstaunlich war, dass alle, die sich trauten, ihre Bilder preiszugeben, eine nahezu ganze Geschichte erlebten. Die waren ganz unterschiedlich. Vom dunklen Wald bis zum Meer wurden Landschaften gemalt und etwas durchlebte eine Veränderung - ein wesentlicher Teil von Geschichten. Ein Thema wird verändert im Laufe der Zeit und endet beim Happy End oder stirbt. Völlig non-verbal hat dies funktioniert. Die Musik erzählte eine Geschichte, ohne dass ein Wort gesprochen werden musste. Und das schöne daran: Jeder Zuhörer hat seine Geschichte selbst im Kopf erlebt, hat sich im Grunde selbst die Geschichte erzählt mit seinen Assoziationen. Nun muss ich aber zugeben, dass der Hirnforscher unter uns jetzt den Zeigefinger heben würde. Natürlich gibt es musikalische Zusammenhänge, die Klischees in unseren Köpfen aufblitzen lassen. Tiefe Töne erzeugen Spannung, Dramatik oder Trauer, Dur wird oft heiter und hell empfunden, schnelle Passagen sind hektisch, etc. Davon sind wir nicht frei und ich auch nicht. Die Kunst besteht für mich darin, die Klischees nicht zu überdehnen und sie im Sinne des Storytellings zu nutzen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst.

Storytelling im Workshop


Singende Schulkinder aus Pie Town, New Mexico,
Quelle: wikimedia.org
Ich werde oft gefragt, wie ich es in meinen Workshops schaffe, die Leute zum Singen zu bringen. Ich gebe Workshops in den unterschiedlichsten Kontexten, aber die Botschaft bleibt die selbe: Wir werden gemeinsam improvisieren und das mit unserer Stimme. Das Storytelling ist dabei sehr wichtig. Wie sonst könnte man Teilnehmer dazu bewegen, überhaupt einen Ton zu singen? Ich erzähle, wie ich in der Grundschule regelmäßig mit hoch rotem Kopf vor der gesamten Klasse "Das Wandern ist des Müllers Lust" zum Besten geben musste, meine Mitschüler sich das Lachen verkniffen, ich den Text vergaß und am Ende gerade so eine 4 bekam. Vor Scham wäre ich am liebsten jedes Mal im Boden versunken. Das ging mir überigens am Reck im Sportunterricht genauso. Nur, dass ich da dann eine 6 bekam. Aber das Thema Sport gehört hier nicht her. :D Dieses Gefühl, dieser Zustand, diese Figur, die Bühne und die Akteure kennte fast jeder, dem ich diese Geschichte erzähle. Sofort nicken Teilnehmer und stimmen mir fast mitleidig zu. "Ich wollte nie wieder singen!", sage ich dann. Und das stimmte auch. Ich kann das ehrlich und authentisch sagen. Die Wahrheit. Dann sage ich "Warum sollte ich eigentlich nie wieder singen dürfen? Ertappen wir uns nicht bei unseren Lieblingsliedern, im Auto oder unter der Dusche, wie wir voller Inbrunst mitsingen?". Ja, machen wir, weil Singen eine völlig menschliche Ausdrucksform ist. Weil Singen Spaß macht. Man muss nur einem an einem Samstag Nachmittag in ein x-beliebiges Fußballstadion gehen und lauschen. Da sind tausende von Menschen, die aus voller Kehle singen. Teilweise komplexe Melodien und Rhythmen. Da schämt sich nur der, der die Vereinshymne nicht mitsingt. Gemeinschaft schafft es diese Hemmung abzubauen. Denn es tut keinem weh, vor allem nicht mir selbst. Singen macht also zusammen Spaß. Das heißt aber noch nicht, dass es sich gut anhört. Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt. "Schön Singen" ist bereits eine subjektive Bewertung. Und diese wollen wir, wo wir doch so gebranntmarkt sind durch die Grundschule, nicht wieder so schnell. Ein Workshop ist ein geschützter Raum, in dem wir gemeinsam das wieder finden, was wir verloren haben: Die Freude am Singen. Wir drehen den Spieß einfach um und behaupten, dass "schräg" singen genau das ist, was wir wollen. Wir wollen nicht "schön" singen, sondern wir wollen SINGEN! Mit der Aufgabe noch schiefer, als der Nachbar zu singen, schaffe ich es, dass noch die traumatisiertesten unter den Teilnehmern ihre Stimme benutzen und mit Spaß und Freude Gefallen daran finden, einfach mal die Vokale lang zu ziehen. Und schon singen wir im Chor. Und schon trauen sich einzelne sogar ein Solo zu singen. Nicht vor der Gruppe, sondern mit ihr. Ohne roten Kopf und ohne schlechter Note am Ende des Workshops. Aber vielleicht mit dem kleinen Fünkchen Willen, doch mal beim Chor vorbeizuschauen oder nicht nur die Titel auszusuchen in der Karaokebar, sondern nächstes Mal selbst sein Lieblingslied zu singen. Weil es Spaß macht und weil wir fast alle einmal traumatisiert aus dem Musikunterricht gegangen sind. Dieses Spiegeln der Emotionen und die erzeugte Empathie ist es, das aus sprechenden Menschen, singende Menschen macht. Mit meiner eigenen Geschichte. Und ich bin auch kein Meistersinger, aber vielleicht ein guter Storyteller.