Samstag, 2. März 2013

Blogparade - Und was machen Sie so beruflich?

Die Blogparade zum Thema Berufsbeschreibung wurde initiiert von Wibke Ladwig von Sinn und Verstand. Ich will mal versuchen, zu beschreiben, was ich eigentlich so beruflich mache.

Das ist ein kleiner Überblick über das, was ich tat und was ich derzeit tue. Bei aller Vielfalt dreht es sich doch hauptsächlich um Musik. Ich kann sagen, dass ich Musiker bin, aber vielmehr tue als nur hinter meinem Instrument zu sitzen.

Musiker

In erster Linie bin ich Musiker. Das ist auch oft meine Antwort auf die Frage nach meinem Beruf. Schon als Schüler bin ich öffentlich mit meiner ersten Band "The Goosepimples" in meinem Geburtsort Wernigerode und Umgebung aufgetreten. Außerdem war ich zu jener Zeit auch Trompeter in der Big Band meiner Musikschule, wo ich u.a. bei Thomas Schicker das Keyboard- und Klavierspiel lernte. Trompete folgte nach den Tasten. Auch solo mit Keyboard spielte ich damals vorwiegend in Hotels. Als ich 2002 in Würzburg mein Studium der Musikwissenschaft, Pädagogik und Soziologie (Magister) begann, spielte ich dort in einer Big Band Trompete und in der Rockband "Paper Boat" Klavier und Keyboard. 2005 ging ich nach Berlin.
2007 hatte ich meine erste Probe mit meiner ersten Improtheater Gruppe "Zwo Drei Vier". Das war der Grundstein für meine bis heute schwerpunktmäßige Arbeit im Bereich Improvisation und Theater. Es folgten Engagements mit zahlreichen Improgruppen in Berlin. Letztlich bin ich festes Ensemblemitglied beim Improtheater Paternoster, für das ich regelmäßig und am häufigsten spiele. Ich mache hauptsächlich Musik, gestalte Szenen musikalisch, gebe die Basis für Songs, moderiere ab und an hnd spiele selbst auch Impro, u.a. in der Theaterklause Brandenburg mit "Verrückte & Verliebte".
2009 begann ich meine Impro Konzertreihe "Hear and Now" in der Kulturfabrik Moabit. Etwas später kam der Schlagzeuger Max Geng hinzu. Die Erweiterung mit Theaterspiel wurde etwa ein Jahr gespielt in der Brotfabrik Berlin. Dort spiele ich nun weiterhin regelmäßig reine Musik Impro Konzerte.
Ich spielte mit der Gitarristin und Sängerin Gabriele Groll unter dem Namen "Central Porks Best" in einem Jazzduo. Zwischen 2007 und 2009 spielte ich mit der französischen Sängerin Marie Giroux das Kabarettprogramm "Cocorico - Die kulturelle Ausnahme" (Text: Thomas Pigor) u.a. in der Ufa-Fabrik Berlin. In zwei Produktionen für Deutschland Radio Kultur spielte ich Klavier.

Theater

Neben dem Improtheater spielen, was öffentliche Shows (mittwochs in der Kulturbrauerei mit Paternoster), Firmenshows und Unternehmenstheater beinhaltet, habe ich mehrere Theaterproduktionem für das NaT-Theater unter der Leitung und Regie von Birgit Liebau gespielt. Dort hatte ich die musikalische Leitung und Kompositionsauftrag für "Der kleine Prinz" und die Theatersoap "Pension Schönes Neukölln" (2 Folgen). Ich habe Lieder und Musik für die Stücke geschrieben und die Proben für und mit weiteren Musikern geleitet. Für eine freie Theatergruppe habe ich in der Zeit (ca 2010) für zwei Stücke Musik geschrieben und Auftritte gespielt.

Unterricht, Workshop, Training

Seit ca zwei Jahren noch bis Juni 2013 unterrichte ich Keyboard und Klavier an einer privaten Musikschule. Außerdem habe ich seit 2009 mehrere Workshops für Improtheater und improvisierte Musik gegeben. Nicht nur offene Workshops in Berlin fanden statt, sondern auch Improgruppen habe ich trainiert. Im Unternehmensbereich habe ich Workshops im Bereich Teambuilding und Kreativität mit Methoden des Improtheaters und Impromusik gegeben. Außerdem gebe ich nach wie vor Privatlunterricht im Klavier und improvisierter Musik. Nach meiner eigenen musikalischen Ausbildung begann ich bereits Unterricht zu geben, u.a. auch für eine Nachwuchsband und Big Band.

Walkact

Für Die Humorpolizei mache ich Publikumsinteraktion und -animation mit einem Kollegen zusammen. In diesem Kontext trete ich auch mit einer Comedyshow auf. Dies meist im Bereich Firmenevents.

Freie Projekte

Unter frequenz9.de veröffentliche ich zusammen mit meinen Kollegen Georg Weisfeld und Thomas Jäkel Podcasts zu Themen wie Kunst & Kultur, Improtheater, Hörspiele und Satire. Ich nehme die Podcasts auf, rede mit und produziere sie im eigenen Studio. Außerdem arbeite ich seit ca 1,5 Jahren mit dem Frankfurter Singer/Songwriter Hektor Nase zusammen und bin hier für die Produktion zuständig.

Sonstiges

Zwar nicht hauptberuflich, aber sehr gern mache ich Grafikdesigns, Print- und Onlinemedien. Ich erstelle Homepages, Plakate, Flyer, etc. Alles Grafische mache ich selbst.



Zur freiberuflichen Tätigkeit als Musiker gehört weit mehr in das Aufgabenfeld, als bloß Musik zu machen. Neben den eigentlichen Auftritten gehört das Selbstmarketing in Sozialen Netzwerken dazu, Werbemittel werden selbst erstellt und aktuell gehalten, die Buchhaltung, Steuererklärung, Angebote schreiben, neue Workshops konzipieren, Proben, Unterricht geben, Blog schreiben....
Nur mit der Kerntätigkeit würde es wahrscheinlich nicht möglich sein, selbstständig in diesem Job zu arbeiten. Dass ich einmal Musikwissenschaft studiert habe, ist für meinen Job nur am Rande relevant. Im Bereich Weiterbildung und Unterricht hat es direkten Einfluss gehabt. Aber dennoch ist das theoretische Wissen immer auch relevant für die eigene Praxis.

Vielleicht noch eine kleine interessante Sache: Wenn ich Fremden Sage, dass ich Musiker bin, haben viele gleich diese Assoziationen von Bandmusik, Rock'n'Roll etc. Sage ich, dass ich Pianist sei, denken sie an Philharmonie und Klassik. Jazzmusiker sind irgendwo dazwischen. Aber eine Frage schließt sich immer an: "Und, kannst du davon leben?"

Und was macht Ihr so beruflich?

Donnerstag, 28. Februar 2013

2802, Dialog, Regen

Improvisationen der letzten Zeit




Sonntag, 24. Februar 2013

Musik Apps auf dem iPad Teil 2 - Chordbot

Im zweiten Teil meiner Vorstellungsrunde für iPad Musik Apps geht es um das Songwriting. Das Prinzip von Chordbot ist einfach und schnell erklärt. Man hat die Möglichkeit Akkorde einzufügen und zu bestimmen, wie lang sie erklingen sollen. Eine richtig große Auswahl an Harmonien von Major7 über 6/9 bis zu verminderten Akkorden und noch vielen anderen Erweiterungen setzt den Kadenzen kaum Grenzen. Außerdem kann man wählen, in welcher Lage und Akkordstellung die Harmonie erklingen soll. Ein Basston kann separat vom Akkord gewählt werden.

ChordBot - Songansicht

Erklingen? Da wären wir beim Thema Mixer. Im gleichnamigen Menü kann man festlegen, welche Instrumente meine Kadenz wiedergeben sollen. Eine Schlagzeugspur mit Einstellungen wie Soft, Medium, Hard und weiteren Varianten derer, ist genauso möglich wie Rhodes, Piano, Bass oder Gitarre. Aus den voreingestellten Pattern sucht man sich einfach was passendes zum Stil des Songs. Bis zu acht Instrumente kann ich so meine Kadenz spielen lassen.

Chordbot - Mixer
Man darf hierbei nicht vergessen, dass es darum geht, Akkordverbindungen auszuprobieren oder ein Play Along zum Mitspielen schnell zu kreieren. Die Funktion Song-o-matic hilft dabei, schnell so einen Track zu erstellen. Zur Auswahl stehen hier Plain Pop, Justified Jazz und Schoenberg Surprise. Zufällige Kadenzen in verschiedenen Begleitungen, wenn es mal schnell gehen soll. Die Songs können exportiert als Midi, wav oder App eigenes Format bzw. auch direkt per Mail versendet werden.

Ein Beispiel-Loop für die Song-o-matic Funktion bei ChordBot:





Einen eigenen Song würde ich damit nicht produzieren, weil die Pattern ja auch begrenzt Ausdruck ermöglichen und so etwas wenig mit einem echten eigenen Songwriting zu tun hat. Allerdings ist es ein gutes Tool, um Akkordprogressionen auszuprobieren und Ideen festzuhalten. Durch die verschiedenen Instrumente und Patterns hat man eine Menge Möglichkeiten nah an seine innere Idee des Songs heran zu kommen. Später kann man dann noch in einem anderen Programm oder am Instrument arrangieren.

Für Improtheater ist diese App dahingehend interessant, dass man schnell eine Songbegleitung herstellen, worauf man dann Improsongs singen kann. Für die Probe oder vielleicht sogar mal, wenn der Musiker krank ist, eine gute Sache für Auftritte.

Übrigens ist die App nicht nur im AppStore erhältlich, sondern auch für Android Systeme.
Über chordbot.com kommt Ihr zur Herstellerseite.



Dienstag, 19. Februar 2013

Musik Apps auf dem iPad Teil 1 - Gestrument

Sharing is Caring und so hab ich mir gedacht mal zu veröffentlichen, welche Apps ich auf dem iPad zum Musikmachen, Notenlesen, Theorie und mehr so benutze.

Gestrument

Wie der Name schon verraten soll, ist die App ein Musikinstrument, dass mit den Bildschirmgesten gesteuert und gespielt wird. Bis zu acht verschiedene Instrumente können gleichzeitig klingen, wenn man das Spielfeld berührt. Eingeteilt ist es in Tonhöhe und Notenwerte in xy-Achsen. Die Zweifinger-Geste nimmt Einfluss auf die Lautstärke. Man kann ein Generaltempo festlegen. Bewegt man seinen Finger nun entlang der y-Achse auf Höhe der abgebildeten Viertelnote, wechselt der Ton immer in Viertelschlägen entsprechend des Generaltempos. Fahre ich senkrecht auf der Sechszehntel Linie wechseln die Tonhöhen im Tempo von Sechzehntelnoten. Damit ist eine schnellere Melodie möglich. 

Jedes der acht Instrumente kann ein- und ausgeschaltet werden. Sie werden im Einstellungsmenu einzeln editiert. Es gibt eine große Auswahl an Instrumenten, die alle recht gut gesampled sind. Es ist für jedes Instrument editierbar, welchen Tonumfang es haben soll, wie oft Töne gewechselt werden und mit welchen Notenwerten das passieren soll. Interessant ist vor allem die Einstellung der zwei Skalen, die das Instrument im gesamt nutzen soll. Dabei können Skala A und B festgelegt werden auf einer chromatischen Tastatur. Im Spiel können diese Skalen gefadet werden. Das Gestrument ist Midi-fähig und hat ein gutes Tutorial, sowie schöne Klangpresets.



Wenn man sich auf zwei Skalen festlegen möchte, eignet sich das Gestrument durchaus zum Improvisieren. Es ist aber ein Kompromiss. Denn wer nicht möchte, dass vieles auf Zufall basiert oder wen festgelegte Skalen zu sehr einschränken in seinen Ausdrucksmöglichkeiten, kann zwar ein nettes Instrument, aber so seine Schwierigkeiten haben, sich damit frei improvisatorisch auszudrücken. Um Klangwelten zu erschaffen ist Gestrument eine interessante App, die die iPad Gesten vollausnutzt. Sehr durchdacht wurde auf viele Details geachtet, deren Einstellmöglichkeiten aber auch etwas überfordern können. Nach den Tutorials ist man allerdings etwas schlauer. Auch bietet Youtube eine Menge Videos für den Überblick an. Das Gestrument ist nicht teuer und das Geld in eine innovative App und andere Herangehensweise ans Musikmachen gut angelegt. 

Samstag, 16. Februar 2013

Stil und Veränderung im Workshop

Als Trainer hab ich das Ziel Spuren im Sand einer Improgruppe mit meinem Workshop hinterlassen zu können. Mit meiner Auffassung und Vorstellung von Improvisation und meiner Herangehensweise, inspiriere ich vielleicht die Gruppe. Anders als bei heterogenen Workshopgruppen, wo ich keine Gruppe vorfinde, die gemeinsam regelmäßig auftritt, habe ich die Chance einen Stil zu erkennen. Gleichzeitig kann ich auf den Einzelnen und den Stil einwirken. Aber ich muss mir bewusst sein, dass ich niemals meinen Stil, meine Vorstellungen von Improtheater gespiegelt sehen werde. Das kann auch nicht das Ziel eines Lehrers sein. Es kann nur um Vorschläge und Inspiration gehen. Wenn ich einen Schüler nicht inspiriere, bin ich vielleicht nicht der richtige Lehrer für ihn. Ich muss akzeptieren, dass eingespielte Gruppen, was auch immer das heißt, einen eigenen Gruppenstil entwickeln. Diese Gruppenidentität ist wichtig und trägt das Endprodukt und die Identifikation der Gruppenmitglieder mit ihrer Gruppe. Ich kann Techniken vermitteln und meinen Stil vorstellen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Freiheit aus Gelerntem eigenes zu schöpfen muss ich jedem Schüler zugestehen. Ich muss den Schülerstil nicht mögen, aber ich akzeptiere, dass es anders wird. Und wenn es für mich nicht interessant ist, kann es jedoch für viele andere Menschen der Fall sein. Es geht nicht darum den Schüler zu seinem dressierten Nachahmer zu machen, sondern ihm einen Weg aufzuzeigen, wie er sich von sich heraus entwickeln kann und darf. Hilfmittel sind gewünscht und erlaubt, aber niemals gespiegelter Lehrernarzissmus.

Dienstag, 12. Februar 2013

Gut eingespielt oder langweilige Routine?

Nach Jahren des gemeinsamen Impro spielens in einem Ensemble ergibt sich ein positiver wie negativer Effekt. Zum einen ist man sehr gut eingespielt. Man vertraut sich beim Spielen, kennt den Stil des Partners und kann sich Sachen erlauben, die man sich mit einem weniger bekannten Gast nicht trauen würde. Andererseits tun Impulse von außen durch Gäste immer wieder erfrischend gut. Andere Spielweisen und Stile geben neue Impulse. Je nachdem, wie groß Sympathie und Vertrauen zum Gastspieler sind, können Geschichten in ganz andere Richtungen gehen. Gäste bringen Spiele mit, die man lange nicht gespielt hat oder gar nicht kannte. Andererseits beobachte ich auf der Bühne oft einen behutsamen Umgang miteinander. Was natürlich ok ist, man will ja niemanden überrennen. Dennoch habe ich manchmal den Eindruck, dass dann mit angezogener Handbremse gespielt wird. Ein gemeinsames Warm Up ist dann um so wichtiger. Dieses vermeidliche Eingespieltsein mit bekannten Partnern scheint auf den ersten Blick sehr gut zu tun. Auf der anderen Seite birgt es die Gefahr in Routinen zu fallen. Dinge zu wiederholen. Showübergreifend oder gar über einen längeren Zeitraum immer wieder. Hinzu den gleichen Gags, Figuren und Dialogen. Wir sollten uns alle dahingehend mehr überprüfen und mit einem Ja! auf Gäste zugehen und andere in unsere Shows einladen. Es kann den Shows gut tun. Jedoch: Sympathie und Vertrauen stehen an erster Stelle! So kann man raus aus der eigenen Schleife, die gern als persönlicher Stil bezeichnet wird, aber oft keiner ist.

Dienstag, 15. Januar 2013

Ziele von Komposition und Improvisation

Welches Ziel wird eigentlich in einer Improvisation verfolgt? Gibt es überhaupt eines? Oft werden im Improtheater die Inspirationen des Publikums als Zielvorgabe verstanden. Es wäre wichtig, dem Publikum klar zu machen, dass es darum nicht geht. Zumindest wenn man einen anderen Ansatz verfolgt. Reine Zielerfüllung macht den Weg letztlich beliebig. Dabei geht es doch viel mehr um den Weg an sich. Um das Entstehen im Moment. Wenn klar ist, dass "Anfragen" inspirieren sollen und nicht das Ziel vorgeben, kann man den Weg viel mehr genießen.

"Die Komposition hat ihr Ziel im perfekten Kunstwerk; die Improvisation in der gelungenen Performanz. [...] Das perfekte Musikstück ist formal vollkommen. Die Kriterien sind inhaltlicher, genauer: konzeptueller Natur. Daher ist eine Komposition immer auch die Realisierung einer Idee. In der Improvisation würde man nicht von Perfektion sprechen, denn Perfektion ist bezogen auf ein Muster, und um genau darum geht es bei der Improvisation nicht."
Mahnkopf, Claus Steffen (2011). "Komposition und Improvisation". In: Aspekte der freien Improvisation in der Musik. Wolke Verlag. S. 93 

Hat die Improvisation nicht auch das Ziel ein perfektes Kunstwerk zu sein? Und was bedeutet das eigentlich? Schon Richard Wagner und viel andere riefen dies als Ziel aus. Er wollte gar das Gesamtkunstwerk. Mehr wäre nicht mehr nötig. Arnold Schönberg meinte, wenn erst alle nach seiner Kompostions- und Harmonielehre Musik schreiben würden, würde nichts mehr folgen. Nun kann man das als Größenwahn abtun oder als Ziel dieser Künstler. Ich denke es geht auch bei Komposition, wie auch der Improvisation um den perfekten Moment der Aufführung. Denn was ist eine Komposition ohne Interpretation, also der Aufführung? Und was in diesem Moment perfekt ist, liegt ganz im Auge des Betrachters und im Ohr des Zuhörers. Die Umstände und die Referenzgruppe spielen eine große Rolle. Kunstwerke müssen immer im sozialen Kontext betrachtet werden. Die Komposition lebt erst durch die Performanz. Das hat sie letztlich gemein mit der Improvisation. Sonst bliebe es ein sehr theoretisches Erlebnis und das wäre schade. Sie bliebe ein Gedankenexperiment von Experten, die in ihrem Kopf die Musik erklingen lassen. Das kann wahrlich nicht das Ziel sein.

Ich denke auch, dass die Improvisation, so frei sie auch sein mag, ein Konzept verfolgen kann. Dass sie frei von Form sein will, wenn sie das Label "frei" haben will, ist verständlich. Die Komposition hat den Nachteil, dass man sie, bedingt durch ihre Fixierung, analysieren und ihr damit eine Form interpretieren kann. Ich denke, dass man dies sicher auch bei viele Improvisationen machen kann. Seien sie noch so frei. Das Gehirn will Strukturen erkennen. Und wenn sie nicht in Tönen oder Rhythmus erkennbar sind, dann vielleicht im Klang. Ein großer Aspekt in der freien Improvisation ist der Bruch. Etwas beginnt, anderes kommt hinzu und irgendwann kann man nichts mehr hinzufügen und bricht. Das ist ein Prinzip dem man eine Form unterstellen kann.

Die Improvisation kann auch die Realisierung einer Idee sein. Einer Idee, die im Moment entsteht und der viele andere Ideen voraus gingen. Man nennt es Impulse, Inspirationen oder anders. Perfektion ist ein schwieriger Begriff in der Improvisation und in der Komposition. Was ist schon perfekt. Kriterien vorher festzulegen würde ein Korsett entstehen lassen. Geht es um freie Improvisation würde sie dem widersprechen. Der Weg ist das Ziel. Die Wege zwischen Komposition und Improvisation verlaufen nur anders. Denn am Anfang eines komponierten Werkes steht die Improvisation. Das lässt die Improvisation unfertig und unperfekt erscheinen. Aber auch nur, weil die Komposition für sich den Anspruch erhebt, perfekt zu sein. Improvisatoren kommen nicht auf den Gedanken. Vor allem wenn Perfektion, Planbarkeit und Voraussehbarkeit bedeutet.

"Eine gelungene Improvisation nähert sich der Komposition an; umgekehrt erheischt eine Komposition eine Interpretation, die klingt, als wäre sie eine Improvisation."
Mahnkopf, Claus Steffen (2011). "Komposition und Improvisation". In: Aspekte der freien Improvisation in der Musik. Wolke Verlag. S. 93


Ist das wirklich so? Doch nur, wenn man Improvisation retrospektiv betrachtet, wäre sie vergleichbar und könnte zu diesem Schluss kommen. Mit welchen Kriterien gehe ich an eine Improvisation? Doch wohl formaler Natur. Und wenn die so verglichene Improvisation nicht dieses Ziel inne hat, wie kann man dann Äpfel mit Birnen vergleichen? Vor allem in der Klassik gehört es zur Aufführungspraxis, dass Solostellen, die frei gestaltet werden sollen, doch ausnotiert sind und so vorgetragen werden. Frei nach dem Motto "Hat schon mal funktioniert. Geht auch nicht besser. Vor allem kann es der Solist nicht besser, als das was da steht. Denn improvisieren hat er nie gelernt". Komposition soll in der Aufführung immer möglichst locker leicht wirken, als eben auf der Bühne entstanden. Tun das denn die meisten Kompositionen? In vielen Teilen schon. Es kommt auf das Genre an. Improvisation ist hier gleichgesetzt mit Leichtigkeit und Unbeschwertheit, vielleicht gar Authentizität. Daher versucht die Komposition sich Eigenschaften der Improvisation in ihren Bereich zu holen. Aber die noch so scheinbar ad hoc vorgetragenen Werke wirken immer perfekt, wie sie ja auch sein wollen. Eine Improvisation hat das Scheitern inne. Weil der Weg das Ziel ist und der Weg nicht vorausschaubar ist. Der Weg der Komposition ist zumindest in der Karte vorgezeichnet. Ob dann irgendwo Stau ist, zeigt sich erst bei der Aufführung. Aber wenn es passiert, würde man sicher nicht mehr von einer authentischen Stelle sprechen, sondern von einer nicht perfekten Komposition bzw. deren Aufführung. Also: Ziel verfehlt. Die Gefahr ist groß!

Sonntag, 13. Januar 2013

Konstellationen und Spielertypen

Nach den letzten Improshows ist mir mehr und mehr bewusst geworden, wie wichtig die Konstellation der Akteure auf der Bühne ist. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob sich die Menschen vor einem gemeinsamen Auftritt kennen. Jeder Mensch hat sein Tempo auf der Bühne. Die wenigsten schaffen es, mehrere Tempi in sich zu vereinen beim Spiel und diese abzurufen. Ein "Extended-Player" wird kein explodierender "Advanced-Player". Ausnahmen bestätigen die Regel, jedoch vereinen nur wenige Improspieler alle Eigenschaften. Ein Geschichtenerzähler hat vielleicht Defizite beim Gesang oder eine "langsame" Körpersprache und wenig Energie. Aber seine Fähigkeit hilft eine Story voranzutreiben, in der viele, im Storytelling schwächere Spieler mitspielen. Ein Gesangstalent glänzt durch einen grandiosen Song und seine Stimme, schwächelt aber im Storytelling. Nun kann es als Ziel ausgerufen sein, möglichst alle Eigenschaften in sich zu vereinen und zu stärken. Aber seien wir ehrlich: Im Improalltag müssen wir mit Inselbegabungen leben. Also bedarf es einem (mindestens) einem Geschichtenerzähler, einem Sänger, einem Moderator, einem Figurenspieler, einem Wortspieler, einem energetischen "Advanced-Player" und einem Musiker. Dieser müsste letztlich auch fast alle Eigenschaften in sich vereinen, die beim Schauspiel gefragt sind, nur dass sein Ausdruck die Musik ist. Er sollte ebenfalls Geschichten erzählen können, mal energisch sein, mal sich ausdehnen, mal nur moderieren oder in Songs glänzen. So eng sind Musik und Schauspiel in einer Improtheatershow verbunden. Im Idealfall hat man verschiedene, sich ergänzende Typen auf der Bühne. Sind sich die Akteure alle zu ähnlich, können Facetten fehlen. Man sollte also nicht nur nach Sympathie die Mitspieler wählen - das ist ein großes und wichtiges Kriterium! - sondern auch nach Skills und Typen. Wenn eine Show nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, gibt es immer viele Faktoren. Einer davon könnte die Konstellation der Akteure sein.

Dienstag, 8. Januar 2013

Gefahr des Dilettantismus

"Je freier eine Improvisation, desto größer die Gefahr eines peinlichen Dilettantismus. Erfahrene Improvisatoren bauen dementsprechend vor. Zunächst beherrschen sie ihr Instrument (oder die Stimme) auf einem dem klassischen Musiker vergleichbaren Niveau, bzw. übertreffen dieses sogar mitunter in der Virtuosität [...]"
Mahnkopf, Claus-Steffen (2011). "Komposition und Improvisation". In: Aspekte der freien Improvisation in der Musik. Wolke Verlag. S. 90

Die Gefahr und gleichzeitig der Reiz einer freien Improvisation ist, sich in der Freiheit zu verlieren und gar keine erlangen zu können. Unser Gehirn hat den Willen zu Routine und Struktur. So auch das des Zuhörers. Der Mensch will Muster erkennen. Ob man sich welchen hingibt oder nicht, liegt in der Hand des Improvisators. Es bleibt also die alte Frage, wie frei der Mensch wirklich ist. Wenn man Bücher, wie das oben zitierte, über freie Improvisation liest, bekommt man schnell den Eindruck, dass formale Improvisation in Strukturen der Feind ist. Die Realität sieht gewiss anders aus. Die Szene der improvisierenden Zunft in der Musik versucht sich als Gemeinschaft zu sehen, weil sie de facto nicht sehr groß ist.

Analogien zum Improvisationstheater gibt es auch hier. Ich habe festgestellt, dass Improtheatergruppen dazu neigen, nach einer Weile des Grundlagen lernens und der Theatersportspiele nach Keith Johnstone, längere und freiere Formen des improvisierten Theaters spielen wollen. Hier besteht die gleiche Gefahr, wie in der Musik. Ab wann ist ein Spieler denn erfahren genug, sich in eine freie Improvisation zu wagen mit weniger Struktur und Gerüst? Sicher kann man sagen, dass jeder immer alles machen darf und probieren soll, etwas wagen und riskieren, wie es in der Improvisation gewünscht ist. Das Zitat enthält aber noch einen zweiten Teil, den ich auch wichtig finde. Nämlich, dass man sein Instrument beherrscht und für die Freiheit sozusagen vorsorgt. Von einem Impromusiker wird erwartet, dass er auf Zuruf sofort und ohne Spielfehler (!) einen Improsong spielt bzw. dem Spieler ein Harmoniegerüst liefert, auf dem der dann improvisieren kann. (Mehr ist es letztlich ja nicht beim Improtheater - Stegreif Liedbegleitung). Das dann möglichst in sämtlichen Stilen, auch wenn vom Publikum meist nur die üblichen 4 Verdächtigen gerufen werden. Die Größe zu haben, dass auch ein Song mal daneben gehen kann und dass man noch einmal von vorn beginnt, liegt daran, dass man in der Liedbegleitung eine Komposition imitieren will. Die gemeinsame Improvisation soll klingen, wie eine Komposition. Ohne Fehler. Am ehesten noch ohne Fehltritte des Musikers, denn der liefert ja das sichere Netz für den Spieler, der meist versucht durch seinen einfallsreichen Text zu glänzen. Für wirkliche Musik und Improvsation von seiten des Musikers ist meistens kein Raum. Aber daran gewöhnt man sich, wenn man sich auf ein Ziel geeinigt hat. Das ist dann doch die Unterhaltung des Publikums und nicht die Selbstverwirklichung der Künstler. Und das ist im Improtheater auch in Ordnung, hat sie es doch eigentlich nicht geschafft, als wirkliche intellektuelle Kunstform daher zu kommen, sondern durch den verbreiteten Stil nur für direkte, interaktive Unterhaltung zu sorgen. Theoretiker werden mucken und sagen, dass der Ursprung ja auch in der Comedia dell'arte liegt. Sicher tut er das auch, aber das muss ja nicht heißen, dass man etwas nicht in eine andere Richtung weiterentwickeln kann. Wenn der Jazz im Swing stehen geblieben wäre, wäre er heute auch nur gefällige Tanzmusik. Gott sei Dank kam danach der Bebop.

Worauf will ich hinaus? Es bedarf einer Vorbereitung, einer Schärfung seiner Fähigkeiten für die Improvisation. Die meisten Spieler im Improtheater beherrschen nicht einmal die Theatersportspiele richtig und wollen aber in die anspruchsvolle freie Improvisation. Wenn ich das Zitat auf das Theater beziehe, müsste es lauten: "zunächst beherrschen sie das Schauspiel". Improvisierende Musiker haben in den meisten Fällen eine langjährige, professionelle Ausbildung in den Bereichen "Praktisches Spiel", "Theorie", "Harmonielehre", "Rhythmuslehre", "Ausdruck", etc. hinter sich. Auch wenn das viele nicht so wahrnehmen als Schüler. Ein Profi hat ca. 10.000 Stunden übend am Instrument verbracht. Um auf das Zitat zurück zu kommen: Sind denn Improtheaterspieler auf dem Niveau eines klassischen Schauspielers, wenn sie sich in die freien Szenen wagen? Zu wenige sind es. Und warum "dürfen" sie es dennoch: Weil der Anspruch dann doch in den Bereich der Unterhaltung, des Hobbies, des Spaß gezogen wird. Frei nach dem Motto: "Wenn's schief geht, war's nur Spaß". Die Gefahr des Dilettantismus ist größer, als die meisten bemerken. Und diese Gefahr zieht sich durch alle Klassen. Wie ein Kollege richtig behauptete: "Ein klassischer Schauspieler kann auf Grund seiner Ausbildung auf Fertigkeiten zurückgreifen, die ein Laie nur durch Talent oder durch viel Arbeit  ausgleichen kann." Und da müsste sich jeder mal fragen, wieviel Futter er eigentlich mitbringt oder an sich arbeitet. Ansonsten bleibt die Gefahr herum zu dilettieren immens groß, wie bei den meisten. Um einen "Klassiker" übertreffen zu können, bedarf es eben ein Weitergehen, nachdem ich das Niveau erreicht habe. Aber da muss man erstmal hinkommen.


Samstag, 5. Januar 2013

Frickeleien, Egos und Jamsessions

Ich muss zugeben, dass ich nicht sehr viel auf öffentlichen Jamsessions war bisher. Aber die wenigen, die ich gespielt habe, hatten mir gereicht. Es gibt verschiedene Ebenen, die auf unterschiedliche Weise problematisch sind. Zum einen hatte ich lange gelaubt, dass es bei Sessions um das Improvisieren geht. Also um das "Sich finden im gemeinsamen Spiel". Habe dann aber feststellen müssen, dass doch Kompositionen herangezogen werden, die gemeinsam vorgespielt werden. Unterbrochen von dem einen oder anderen Solo, das dann improvisiert wird. Nun heißt das Argument "Gemeinsamer Nenner". Ok, das sehe ich ein, langweilt mich aber zu tode. Da hat man geballte musikalische Kraft und Diversität an einem Ort, um sich dann Leadsheets entlang zu hangeln oder im schlimmsten Fall bei jeder Session den gleichen Song zu performen?! Problematisch ist zum anderen die Haltung der anderen Musiker gegenüber. Es ist anscheinend üblich, dass eine festere Gruppe die Session eröffnet. Meist mit einem kurzen Set von Stücken. Teilnehmer der anschließenden Session sitzen oft schon mit kribbligen Fingern im Publikum. Ich habe es erlebt, dass eine solche beginnende Sessionband schon ihrem Set so verfrickelt spielte, dass es unerträglich war, ihr zuzuhören. Getopt wurde das Ganze dann in der eigentlichen Session, wo diese Frickelei noch ergänzt wurde durch Frickelei von anderen Musikern außerhalb der Band. Wenn sie überhaupt an den Amp anschließen oder die Drums mitbenutzen durften. Es war eine große, laute, unansehnlich und unanhörliche Egonummer, in der keiner auf den anderen hörte und ein längst abgespielter Evergreen kaputt gefrickelt wurde. Ein unschöner Abend, ein unschönes Erlebnis. Vielleicht hätte ich den Begriff Jamsession vorher mal googlen sollen. Ich hatte jedenfalls eine andere Definition von Jamming und Session, gebe aber zu, dass ein Plan oder zumindest eine Führung innerhalb eines solchen Rahmens hilfreich sein kann. Die Profilierwut einiger Musiker führte aber zu einer Kollektivmasturbation und nicht zu einem Spiel, dass auch dem Publikum wirklich Spaß macht. Es wurde dann doch Leistungssport, Clownerie und Egoismus auf dem Rücken von mehr oder weniger bekannten Songs.

In der letzten Session, die ich mitgespielt habe, wurden zunächst auch einige Songs gespielt. Mir wurden die Akkorde zugerufen und los ging's. Ich mühte mich reichlich mein E-Piano zu hören und schmiss ein paar Harmonien in den dichten Wald aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, Saxophon und Gesang. Nach einigen Songs schlug ich vor, einfach mal zu jammen. Unsicherheit machte sich breit, weil ich keinen Song vorschlug. Aber ich ermunterte den Drummer einfach einen Beat zu spielen, auf den er Bock hat. Der Bassist setzte dazu ein Riff und ich ergänzte mit Harmonien. Echte Improvisation. Es ging plötzlich um das wirkliche Zuhören, um die Musik. Alles war leiser, weil auf der Suche. Man war gezwungen, dem anderen zuzuhören. Als dann der Saxophonist soliert und wir uns beide kurze Phrasen hin und herwarfen, ging es wirklich nur noch um Musik. Um das Eigentliche. Um das, wovon ich gedacht hatte, darum geht es immer in Jamsessions. Das war ein befriedigender Abend voller Musik, an dem ich letztlich sogar mit einem anderen Pianisten zu zweit am Klavier saß und zusammen spielte. Und wir hatten beide Platz auf der Klavierbank.